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 Rot (der titel sei zu kurz, sagt die software ;) )

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pepsi carola

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BeitragThema: Rot (der titel sei zu kurz, sagt die software ;) )   Di Nov 11, 2008 12:57 am

moin moin liebe sisilia und übrige autorenbande Very Happy

nina aus tanjas forum wollte gerne was anderes als belzonis aufgaben von mir lesen. das freut mich natürlich Wink

für nina flower & alle

Rot

Er rechnet nicht mehr in Jahren, er rechnet in Sommern. Im Stadtpark bestellt er einen Kaffee und drei Kugeln Eis. Ja, gerne mit Sahne, sagt er zu der netten Bedienung. Ihre nackten Füße stecken in Sandalen. Die Zehennägel sind rot lackiert und die Bilder wieder da. Rot. Er schwitzt. Er zwingt sich, sitzen zu bleiben. Die Stimmen um ihn herum sind schrill. Er hält sich die Ohren zu. Der Stuhl fällt zu Boden. Die Bedienung ruft hinter ihm her – aber, Ihr Kaffee ...

Zu Hause hockt er mit angezogenen Beinen und bei geschlossenen Jalousien auf dem Bett. Er kann nicht schlafen, nicht denken, nichts essen und ihm fehlen die Worte. Wie es ihm ginge, will Levin wissen. Einigermaßen, sagt er am Telefon. Einigermaßen. Selbst das eine Wort ist gelogen. Er vermisst Levin und fühlt sich schuldig, nicht für ihn da sein zu können.

In jenem Sommer spürte er wie sein Herz schneller schlug, als der Notruf einging. Obwohl er ein routinierter Arzt gewesen ist, überraschte es ihn, dass er jedes mal wieder aufgeregt wie ein Anfänger war. In Sekunden nur war er vollständig angekleidet und saß auf dem Beifahrersitz mit dem Stadtplan auf dem Schoß. Die Tür hatte er noch nicht ganz geschlossen, als der Kollege bereits Gas gab. Sonderrechte waren erteilt. Er schaltete das Radio ein. Sie hörten schweigend dem Nachrichtensprecher zu, der von Schwerverletzen und Toten – Hunderten - und von einem Bild des Grauens sprach. Anouk! Sein erster Gedanke war Anouk gewesen und sein zweiter Levin. Und dann mahnte er sich, den Teufel nicht an die Wand zu malen. Jede Stunde fuhr ein ICE von Hannover nach Hamburg. Warum sollte sie ausgerechnet diesen genommen haben? Sie hatten gestritten und Anouk hatte in ihrer Wohnung übernachtet. Hochschwanger wollte sie noch einen geschäftlichen Termin wahrnehmen, obwohl ihre Frauenärztin

abgeraten hatte. Nie im Streit auseinander gehen, hatte Anouk immer gesagt. Nie, nie! Er zwang sich zur Ruhe und lenkte sich ab, in dem er den Kollegen durch den Straßenverkehr lotste. Vor Ort angekommen funktionierte er wie eine Maschine. Niemand sprach ein überflüssiges Wort. Jeder Griff saß. Hand in Hand taten sie, was getan werden musste. Eins nach dem anderen. Eins nach dem anderen. Vor dieser Totenstille findet er keine Ruhe mehr.

Seit der Katastrophe ist der zehnte Sommer vergangen, in dem sein Sohn Levin geboren wurde und seine Frau Anouk verunglückt ist, der achte, seit er seinen Job los ist, der fünfte, in dem er die Zustimmung zur Adoption gegeben hat, und der erste, seit er wieder auf eigenen Beinen steht. Wackeligen Beinen, aber er steht! Er steht wieder auf. Er muss.

Der zehnte Sommer, fern und doch so nah. Nach endlosen Einsatzstunden, hatte er versucht Anouk zu erreichen. Zu diesem Zeitpunkt ist sie schon tot gewesen. Levin wurde mit einem Notkaiserschnitt auf die Welt geholt. Warum kann er ihm kein Vater sein, der diesen Namen auch verdient? Er bringt es nicht über sich, zu seinem Sohn zu fahren. Rot. Köpfe, getrennt von Rümpfen, einzelne Arme, Hände, Beine und Füße. Füße mit rotlackierten Zehennägeln. Rot.
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pepsi carola

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BeitragThema: Re: Rot (der titel sei zu kurz, sagt die software ;) )   Di Nov 11, 2008 10:15 pm

der text ist übrigens eine schreibübung zum thema "schreibe eine geschichte über eine farbe" gewesen. ich muss ihn wohl noch mal überarbeiten cyclops Wink

lg
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Mahony



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BeitragThema: Re: Rot (der titel sei zu kurz, sagt die software ;) )   Do Nov 13, 2008 2:06 am

Ich hör auf zu schreiben *grins*, was macht ihr denn?
Birgit haut Krimis raus, daß einem wackelig wird und Du schreibst Geschichten, da kriegt man ja nie wieder ein Taschentuch trocken.
Hast Du noch mehr davon?
Laß die bloß verlegen.
Ähäm: aber streich mal aus dieser Geschichte jedes *gewesen* raus, mag das grammatikalisch noch so richtig sein, es stört, ist also nicht wichtig.

LG Mahony
noch schwerer beeindruckt
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pepsi carola

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BeitragThema: Re: Rot (der titel sei zu kurz, sagt die software ;) )   Do Nov 13, 2008 3:39 am

*küsschenschmatz* mahony, du nachteule!

ganz genau, das hab ich vor. furchtbare monsterwörter sind das Wink
stell dein licht mal nicht untern scheffel, sonst gibts haue pirat Wink

lg & gut n8
pepsi
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heinrich k



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BeitragThema: Re: Rot (der titel sei zu kurz, sagt die software ;) )   Do Nov 13, 2008 7:34 pm

Hallo Pepsi C,

der Text gefällt mir.

Dein Text birgt schon eine Menge Drama in sich, dennoch könntest du ihn, m.b.M.n. mit Absätzen und ein paar weiter eingestreuten Zwischensätzen und –worten noch wirksamer werden lassen.

Ich habe hier einmal eine Abänderung als Beispiel gepostet. Es sind aber nur Vorschläge und keine Verbesserungen.

Eine Sache will ich noch loswerden, bevor du den Text liest: Wenn man zwischen den Zeilen liest, dann erkennt man als lesender Autor unschwer welches Unglück du als Verfasserin als Hintergrund gewählt hast. Um den allgemeinen Leser noch mehr heran zu ziehen an den Text, würde ich aufkommende Spekulationen von Anbeginn löschen.
Ich fühlte mich sofort an das Unglück in Eschede erinnert. Und hier kannst du es einfügen:
Jede Stunde fuhr ein ICE von Hannover nach Hamburg. Warum sollte sie ausgerechnet diesen einen Zug genommen haben, der jetzt in Eschede entgleist war?


Rot

Er rechnet nicht mehr in Jahren, er rechnet in Sommern.
Im Stadtpark bestellt er einen Kaffee und drei Kugeln Eis.
Ja, gerne mit Sahne, sagt er zu der netten Bedienung und mustert sie. Ihre nackten Füße stecken in Sandalen. Die Zehennägel sind rot lackiert und die Bilder wieder da.
Rot!
Er schwitzt. Er zwingt sich, sitzen zu bleiben. Die Stimmen um ihn herum sind schrill. Er hält sich die Ohren zu. Der Stuhl fällt zu Boden.
Die Bedienung ruft hinter ihm her: „… aber, Ihr Kaffee?“

Zu Hause hockt er mit angezogenen Beinen und bei geschlossenen Jalousien auf dem Bett. Er kann nicht schlafen, nicht denken, nicht essen und ihm fehlen die Worte (hier würde ich statt Worte eher Gedanken anwenden, denn er spricht ja nicht).
Wie es ihm ginge, will Levin wissen.
Einigermaßen, sagt er am Telefon.
Einigermaßen.
Selbst das eine Wort ist gelogen. Er vermisst Levin und fühlt sich schuldig, weil er nicht für ihn da sein kann. Nie für ihn da sein konnte.

In jenem Sommer spürte er wie sein Herz schneller schlug, als der Notruf einging. Obwohl er schon immer ein routinierter Arzt war, überraschte es ihn, dass er jedes Mal wieder aufgeregt wie ein Anfänger war.
In Sekunden nur war er vollständig angekleidet und saß auf dem Beifahrersitz des RTW, mit dem Stadtplan auf dem Schoß. Die Tür hatte er noch nicht ganz geschlossen, als der Kollege bereits Gas gab.
Sonderrechte waren erteilt.
Er schaltete das Radio ein und sie hörten schweigend dem Nachrichtensprecher zu, der von Schwerverletzen und Toten – hunderten - und von einem Bild des Grauens sprach.
Anouk!
Sein erster Gedanke war Anouk gewesen und sein zweiter galt Levin. Und dann mahnte er sich, den Teufel nicht an die Wand zu malen. Jede Stunde fuhr ein ICE von Hannover nach Hamburg. Warum sollte sie ausgerechnet diesen Zug genommen haben?
Sie hatten gestritten, er und Anouk, und danach wollte sie in ihrer eigenen Wohnung übernachten. Hochschwanger nahm sie für den nächsten Tag noch einen geschäftlichen Termin an, obwohl ihre Frauenärztin davon abgeraten hatte.
Nie im Streit auseinander gehen, hatte Anouk immer gesagt. Nie, nie!
Er zwang sich zur Ruhe und lenkte sich ab, indem er den Kollegen mit kurzen Zurufen durch den Straßenverkehr lotste. Und dann, vor Ort angekommen, funktionierte er wie eine Maschine. Niemand sprach ein überflüssiges Wort. Jeder Griff saß. Hand in Hand taten sie was getan werden musste. Eine Aktion nach der anderen. Eine Rettung nach der anderen. Routiniert und hoch trainiert. Die schlimmsten Verletzungen zuerst. Knochentraumata, Brandverletzungen. Die Schreie der Verletzten hallen über das Trümmerfeld. Doch in seinem Kopf herrscht Stille. Totenstille, den er darf die lauten Klagen nicht hören. Er muß funktionieren.
Vor dieser Totenstille findet er keine Ruhe mehr.

Seit der Katastrophe ist der zehnte Sommer vergangen. Der Sommer in dem sein Sohn Levin geboren wurde und seine Frau Anouk verstarb, der achte, seit er seinen Job los aufgab, der fünfte, in dem er die Zustimmung zur Adoption gegeben hat und der erste, seit er wieder auf eigenen Beinen steht. Auf Wackeligen Beinen. Aber er steht! Er steht wieder auf. Er muss.

Der zehnte Sommer, fern und doch so nah. Nach den endlosen Einsatzstunden, hatte er damals versucht Anouk zu erreichen. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon tot. Doch Levin hatte überlebt.
Mit einem Notkaiserschnitt war er auf die Welt geholt worden.
Warum kann er ihm nicht der Vater sein, der diesen Namen auch verdient?
Er bringt es nicht über sich, zu seinem Sohn zu fahren.
Rot.
Köpfe, getrennt von Rümpfen, einzelne Arme, Hände, Beine und Füße.
Füße mit rotlackierten Zehennägeln.
Rot.
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pepsi carola

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BeitragThema: Re: Rot (der titel sei zu kurz, sagt die software ;) )   Fr Nov 14, 2008 10:33 pm

moin heinrich,

bin ganz gerührt, dass du dir so viel gedanken um meinen text machst.
vom typ her, bin ich eine autorin, die eher nicht zu deutlich wird. wenn du sofort an eschede gedacht hast, bingo aber, im grunde ist es egal. denn dieser text beschäftigt sich mit dem traumata der helfer unabhängig vom konkreten unglücksfall. wer kümmert sich um sie?

der text ist noch nicht ganz rund. ich werde mich nochmal dran setzen und mich dann auch mit deinen vorschlägen beschäftigen. danke dafür!

lg
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Sisilia
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BeitragThema: Re: Rot (der titel sei zu kurz, sagt die software ;) )   Sa Nov 15, 2008 7:35 pm

Na ja .. .viel Auswahl gab es (zum Glück) nicht, wegen dem Ort des Geschehens. Aber ich kann dich gut verstehen, dass man sich auch mit denen beschäftigen muss, die bei einem Unglück geholfen haben, wie sie das verkraften.
Mein Vater war bei der Feuerwehr und was der so ab und an erzählt hat, wenn sie verbrannte Leichen aus den Autos bergen mussten und noch einiges mehr ... das ist schon heftig. Aber zum Glück gibt es inzwischen die Möglichkeit sich betreuen zu lassen, solange es die Menschen annehmen, manche wollen ja nicht zum Klapsendoktor oder in Selbsthilfegruppen, wollen das alleine ausmachen. Gut muss jeder selber entscheiden.

Jedenfalls interessanter Text, wenn du ihn nochmal bearbeitet hast, würde ich gern nochmal lesen.

LG Sil

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heinrich k



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BeitragThema: Re: Rot (der titel sei zu kurz, sagt die software ;) )   Sa Nov 15, 2008 8:49 pm

Zitat :
bin ganz gerührt, dass du dir so viel gedanken um meinen text machst.
Dann bist du aber schnell zu rühren, wenn so eine kleine Meinung das schon bewerkstelligen kann.
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Mahony



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BeitragThema: Re: Rot (der titel sei zu kurz, sagt die software ;) )   So Nov 16, 2008 3:43 am

Nein pepsi, nix ändern. Laß es so, es ist kollosal. Es steht für alle, die helfen. Ja, sie werden betreut, endlich. Aber sie leiden darunter,immer. Diese Bilder wird man nie mehr im Leben los.
Du vermittelst in Deiner Geschichte genau diese Art von Grauen, das ahnen läßt, wie groß es wirklich ist. Es gibt nicht nur Unglücksfälle, es gibt auch Selbstmörder, die sich vor einen Zug schmeißen. Ihnen ist egal, was wird; aber sie wissen nicht, was sie von denen verlangen, die sie von den Schienen kratzen müssen. Zugführer mußten ihren Beruf aufgeben deswegen.
Laß es so, es ist gut und vielleicht bringt es den einen oder anderen dazu, darüber nachzudenken.
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