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 Die schwarze Gondola

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heinrich k



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BeitragThema: Die schwarze Gondola   Di Nov 04, 2008 10:18 pm

Die schwarze Gondola
Goldene Zinnen umrahmten den offenen Aufbau, dessen schwarzer Baldachin von einem Kreuz gekrönt wurde. Kerzen, geschützt in kleinen, Laternen ähnlichen Gefäßen, brannten an den vier Ecken des Aufbaus und an verschiedenen Stellen an der aus Lärchenholz gefertigten Reling. Die Stützen des Baldachins wurden umschlungen von dunklem Samt.
Langsam schob sich der am Ferro verzierte Bug der Gondola von dem schmalen Steg des Palazzo Ciabierro fort und steuerte auf die kleine Brücke zu.
Die Gestalt auf der Brücke zog sich den Umhang enger um die Schultern und den Hut tiefer ins Gesicht. Die Hand, welche eine Rose hielt, begann zu zittern.
Das kleine venezianische Boot kam näher und schon bald konnte man von der Brücke die Gestalt sehen, welche unter dem Baldachin aufgebahrt lag. Es war eine Frau. Sie war bekleidet in eleganter Robe und einem Kleid aus schwarzer Seide. Ihre Hände ruhten auf dem Schoß und hielten einen kleinen Strauch aus weißen Blüten. Ihr Gesicht und ihr sorgsam frisiertes Haar waren nur schemenhaft unter dem dunklen Schleier zu erkennen.

Schafgarben, Giacomo. Schafgarben liebe ich über alles. Die violetten, aber besonders die weißen Blüten. Ich träumte einmal von einer Wiese voller Schafgarben, umrahmt von einer Hecke roter Rosen.

Der Vermummte auf der Brücke sah der Gondola entgegen, als eine weitere Person neben ihm auftauchte und an seinen Umhang zog.
„Ihr müsst gehen, Herr“, raunte die buckelige Gestalt dem Vermummten zu. „Man wird die Wachen schon durch ganz Venedig schicken.“
Der Vermummte schob den Begleiter energisch von sich.
„Schweig!“
Er sah wieder zu der dunklen Gondel und konnte durch den Schleier einen Blick auf das blonde Haar der aufgebahrten Frau erhaschen.
Ach, Lyvia, meine Lyvia. Wie gern habe ich dein goldenes Haar berührt.
Das kleine Boot verschwand unter der Brücke und der Vermummte wechselte die Seite. Die Hand mit der Rose streckte sich über den Rand der Brüstung hinweg und als der Baldachin wieder auftauchte, öffnete der Mann seine Hand. Die Rose fiel hinab, tänzelte im Fallen und an ihr waren mit einem dünnen Strick eine Münze und ein handgeschriebener Zettel befestigt. Die Nachricht fiel vor die Füße des Bootsführers.

Fährmann der Trauer,
lege diese Rose zu dem Bukett aus Schafgarben und zu den zarten Händen. Sie war meine einzige Liebe und dies ist mein letzter Gruß. Die Münze benutze, um ein Glas Wein auf ihr Wohl zu trinken. Glaube mir, nie wirst du eine wertvollere Dame in das Reich der Toten überführen, als diese.
G.C.

Der Vermummte konnte erkennen, wie der Gondoliere sich nach Rose, Geldstück und Brief bückte und sah der Gondel noch lange nach. Erneut zog der Buckelige am Gewand des Mannes.
„Kommt, Giacomo. Ihr habt die Bleikammern überstanden. Ihr werdet auch die Trauer um Lyvia Ciabierro überstehen.“
Der Vermummte löste seinen Blick von der Gondel, drehte sich abrupt herum und ergriff seinen Begleiter am Kragen. Der Bucklige blickte in ein blasses aristokratisches Gesicht, dessen Wangen eingefallen und staubig waren. Tränen hatten sich kleine Wege über die schmutzige Haut gebahnt.
„Nie!“, zischte der Vermummte leise und gefährlich. „Nie werde ich meine Lyvia vergessen, Stefano. Wären die Bleikammern nicht gewesen, dann hätte ich ihr mein Leben geschenkt. Ich hätte mich ihr zu Füßen geworfen und sie verehrt, mein Leben lang.“ Er ließ den Buckligen los, stieß ihn fort und wandte sich wieder der dahin ziehenden Gondel zu.
Mit einer Hand zog er seinen Hut herab, dann senkte er sein Haupt. Einen Augenblick später sah er wieder seinen Begleiter an. „Sie hat mich geliebt und ich habe sie geliebt. Und nur der falsche Blick auf die bevorstehende Schande einer verlogenen Familie, einen Casanova als Schwiegersohn zu bekommen, hat ihre Eltern in einen Hass getrieben, der sie schließlich in den Freitod trug.“ Leises Schluchzen war zu hören. „Von diesem Tage an wird mein Leben noch ruheloser sein, als es bisher je gewesen ist, Stefano. Mit Lyvia ist der alte Giacomo Girolamo Casanova gestorben. Der neue Casanova wird nie wieder so lieben können, wie der Alte.“
Die Gondel war in einem anderen Kanal entschwunden. Er setzte den Hut wieder auf und richtete seinen Umhang, doch die Spuren der Tränen ließ er trocknen. Ähnlich kleiner ausgetrockneter Flussläufe bedeckten sie in schmalen Spuren sein Gesicht. Spuren die für immer bleiben sollten, auch wenn man sie nicht mehr erkennen würde.
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Sisilia
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BeitragThema: Re: Die schwarze Gondola   Mi Nov 05, 2008 6:07 pm

Also als erstes, eine wundervolle Story, Verdammt Profihaft, mir gefällt es sehr gut.

Ich hab nur ein paar kleine Dinge, die ich etwas abändern würde, was aber im Grunde total unwichtig ist, und einfach nur Geschmacksache ... seufz.

Soo schön, so traurig und ergreifend. Ich liebe solche Geschichten.


Zitat :
Goldene Zinnen umrahmten den offenen Aufbau, dessen schwarzer Baldachin von einem Kreuz gekrönt wurde. Kerzen, geschützt in kleinen, Laternen ähnlichen Gefäßen, brannten an den vier Ecken des Aufbaus und an verschiedenen Stellen an der aus Lärchenholz gefertigten Reling.

Hier hätte ich einfach "des Aufbaus" weggelassen. Es ist in meinen Augen nicht nötig, um es zu verstehen und klingt ein wenig nach Wiederholung.

Zitat :
Die Hand, welche eine Rose hielt, begann zu zittern.

An dem Satz ist nichts auszusetzten, ich selber hätte es vielleicht so geschrieben, was aber nicht besser sein muss. Ist einfach nur mein Geschmack:

Die Hand, welche eine dunkelrote Rose hielt, begann nun merklich zu zittern.

Zitat :
Das kleine venezianische Boot kam näher und schon bald konnte man von der Brücke die Gestalt sehen,

hier würde ich anstatt "sehen", das Wort "erkennen " wählen


Diesen Satz:

Zitat :
Schafgarben, Giacomo. Schafgarben liebe ich über alles. Die violetten, aber besonders die weißen Blüten. Ich träumte einmal von einer Wiese voller Schafgarben, umrahmt von einer Hecke roter Rosen.

Hätte ich in ' oder " gesetzt, damit man gleich sieht, dass dies ein Satz ist, den jemand gesagt hat. Ich hab das erst beim zweiten lesen gesehen. Kann aber auch an mir liegen, bin heut was langsam Embarassed

Zitat :
Der Vermummte auf der Brücke sah der Gondola entgegen, als eine weitere Person neben ihm auftauchte und an seinen Umhang zog.
„Ihr müsst gehen, Herr“, raunte die buckelige Gestalt dem Vermummten zu
.

Hier zweimal der Vermummte: Vorschlag: ...", raunte ihm der Buckelige besorgt zu.



Zitat :
Die Rose fiel hinab, tänzelte im Fallen und an ihr waren mit einem dünnen Strick eine Münze und ein handgeschriebener Zettel befestigt.

Und hier finde ich passt das "und" nicht rein. Ich würde da zwei Sätze draus machen. Also so:

Die Rose fiel hinab und tänzelte im Fallen. An ihr waren mit einem dünnen Strick eine Münze und ein handgeschriebener Zettel befestigt.

Noch eine Bitte: Könntest du einer Nichtwissenden erklären, was es mit diesen Bleikammern auf sich hat?

Ich hab ja nicht mal kappiert, warum man mir im Kinkel forum immer was von Casablanca um die Ohren gehauen hat. Hab den Film zwar mal gesehen, ist aber schon bestimmt 25 Jahre her und kann mich daran nicht erinnern. Ich kenne daraus nur den Spruch: Spiels noch einmal Sam.... da wars aber auch schon Embarassed

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BeitragThema: Re: Die schwarze Gondola   Mi Nov 05, 2008 7:55 pm

Ein prominenter Bauteil des venezianischen Dogenpalastes von literarischer Bedeutung ist das Gefängnis, das auf zwei Gebäude verteilt ist – beide Teile sind durch die Seufzerbrücke verbunden. Im Dogenpalast selber befanden sich einige ausgesprochen feuchte Gefängniszellen im Erdgeschoss, die berüchtigten 19 „Pozzi“ , und weiter oben die 6 oder 7 „Piombi“, also Bleikammern, direkt unter dem bleigedeckten Dach – daher der Name.

Dann kam die Seufzerbrücke, der Ponte dei Sospiri, und schließlich die im 16. Jahrhundert erbauten Zellen jenseits der Brücke, die „Prigioni“, das eigentliche Gefängnis. Der berühmteste Insasse der berüchtigten Bleikammern war Giacomo Casanova, der in der Nacht des 31. Oktober 1756 von hier über das Dach des benachbarten Hauses geflohen ist.
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BeitragThema: Re: Die schwarze Gondola   Mi Nov 05, 2008 9:07 pm

Danke für die Info .. das ist ja wirklich interessant. Ich lese grade von Cornelia Funke Der Herr der Diebe und ich mag ihre Story sehr gern. Sie ist mitschuld, dass ich Venedig sehr gern mag, und ich es auch schon oft in Rollenspiele eingebaut habe. Manchmal frag ich mich, war ich jetzt schon mal dort, oder nicht Laughing hab schon viele Bilder gesehen und einiges gehört. Aber ich muss gestehen, mit der Geschichte dieser Stadt noch nicht soo viel am Hut.

LG Sil

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heinrich k



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BeitragThema: Re: Die schwarze Gondola   Mi Nov 05, 2008 9:55 pm

Ohoo.
Die venizianische Republik hat doch einiges am Hut.
Da sind manigfaltige Geschichten verborgen.
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Sisilia
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BeitragThema: Re: Die schwarze Gondola   Mi Nov 05, 2008 10:30 pm

Ich sehe, ich hab noch ne Menge zum Lesen.

Im Moment bin ich aber grad bei den Templern.
Die haben mich schon immer fasziniert.

Es gibt soviele tolle Sachen. Die Griechen hab ich auch mal angefangen, da sind die Themen unendlich.

Ich liebe auch Geschichten über Burgen, Schlösser, oder auch nur Häuser oder Gegenden, es stecken so viele tolle Storys überall.

Danke für die Infos, freue mich auch auf Neues von dir.

LG Sil

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Birgit Böckli
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BeitragThema: Re: Die schwarze Gondola   Di Dez 02, 2008 10:04 pm

Hallo Heinrich,
ich komm mal wieder hinterher wie die alte Fasnacht.
Wunderschöne geschichte. Hätte wirklich fünf Sterne verdient, wenn es hier welche gäbe. Cool
Schönen Abend noch
Birgit
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